judith

„Hallo, darf ich Ihnen vielleicht einen Flyer mitgeben?“ fragte eine freundliche Stimme am Infostand.

Mit diesem Satz begann für mich die Reise mit dem Ambulanten Kinderhospizdienst. Meine erste Reaktion war die der wahrscheinlich meisten Menschen, wenn sie zum ersten Mal das Wort Kinderhospiz hören: „das könnte ich nicht.“

Nach einigen Tagen fiel mir durch Zufall der Flyer wieder in die Hände. Ich schaute mich auf der Website des Ambulanten Kinderhospizdienstes um und fragte mich: „Wie machen diese Menschen das, die dort freiwillig und ehrenamtlich ihre Zeit und ihr Herz investieren?“

Der Gedanke an diese ehrenamtliche Tätigkeit ließ mich nicht los und so trat ich per Email mit den Koordinatorinnen in Kontakt. Wie der Zufall es wollte, fand bereits einige Tage später eine Infoveranstaltung statt. Spätestens danach war mir klar, dass ich hier einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten könnte und sicherlich vieles Lernen würde. Zur weiteren Vorbereitung wurde mit jedem Interessierten ein persönliches Gespräch geführt, in dem es erstmals um Motivation und Voraussetzungen bei der Arbeit mit schwer kranken Kindern und ihren Familien ging. Anscheinend wurde ich für geeignet befunden und durfte am dritten Vorbereitungskurs für Familienbegleiter teilnehmen.

Ende Januar trafen wir uns erstmals in den Tagungsräumen des Mercure-Hotels in Greifswald. Ich war gespannt, welche bekannten Gesichter ich von der Infoveranstaltung dort wiedererkennen würde. Unser Kurs bestand aus ursprünglich 12 Teilnehmern, von denen aber nur sieben den Kurs beendeten. Bei der Auseinandersetzung mit dem Tod und Sterben wird man zwangsläufig mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert. Ohne Selbsterfahrung geht es nicht. Wir wurden dabei in allen Phasen von den ReferentInnen liebevoll begleitet und aufgefangen.

Nachdem wir am ersten Termin eine Einführung in die Geschichte der Kinderhospizarbeit erhielten, durften wir uns am zweiten Termin bereits selbst künstlerisch betätigen. Jeder Teilnehmer gestaltete ein individuelles Poster seines bisherigen Lebenswegs mit Höhen, Tiefen und Wendepunkten. Wir rückten dabei näher zusammen: Willst du einen Menschen besser verstehen, frag nach seiner Geschichte. An den folgenden Terminen ging es um das System Familie und die Trauer und Begleitung der Geschwisterkinder.

Besonders beeindruckt und berührt hat mich der Besuch bei Andreas Schulz, einem Bestatter aus Koserow, der mit vielen Vorurteilen und Fehlinformationen rund um das Thema Tod und Bestattung aufräumte. Er konnte mir vor allem vermitteln, dass das Sterben und die anschließende Beerdigung etwas ganz persönliches sind und dass es möglich ist, alles so individuell zu gestalten, wie man es möchte: von der hygienischen Versorgung und Entkleidung des Verstorbenen über den selbst bemalten Sarg und die selbst gehaltene Trauerrede. War ich zu Beginn des Tages noch skeptisch und etwas ängstlich, konnte ich mir am Ende vorstellen, einen Bestatter bei all seinen Aufgaben zu begleiten. Andreas Schulz hat mit seiner warmen und empathischen Art dazu beigetragen, dass wir all unsere Fragen ohne Scheu stellen konnten und nun mit unserem dazu gewonnenen Wissen die Familien in unserer Begleitung unterstützen können.

Weitere Themen unseres 100-stündigen Vorbereitungskurses waren das Leben und Sterben aus der Sicht von Kindern, Grundlagen und Techniken der Kommunikation, Krankheitsbilder und Palliative Pflege, sowie rechtliche Grundlagen und Formerfordernisse in der Kinderhospizarbeit. Zuletzt erhielten wir noch einen Erste-Hilfe-Kurs, der uns für Notfallsituationen wappnen soll.

Das halbe Jahr, in dem alle zwei Wochenenden ein Tageskurs des Ambulanten Kinderhospizdienstes stattfand, hat mich bereits jetzt sehr bereichert. Ich bin seit wenigen Wochen selbst schon in der Begleitung einer Familie aktiv und freue mich, die theoretischen Inhalte in die Praxis umsetzen zu können. Ich weiß, dass ich dabei weiterhin auf die Unterstützung der anderen Kursteilnehmer und ehrenamtlichen Familienbegleiter zählen kann und mich bei Fragen und Schwierigkeiten stets an die erfahreneren Semester wenden kann.

eure Judith
(Dezember 2016)

 

 

Der Bundesverband Kinderhospiz hat im Internet ein tolles Video des Kinder- und Jugendhospizdienstes der Malteser in Günzburg veröffentlicht.
Dieses zeigt, was Kinderhospizarbeit ist…